31.12.2015 | Jahresrückblick I

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, zwischen den Jahren geht alles einen Gang langsamer. Der perfekte Zeitpunkt also, um Fotos, Videos und Erinnerungen hervorzukramen und das ereignisreiche Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen.

Die erste Jahreshälfte war noch geprägt vom Mix und Mastering von „In Deep Waters“, viele, viele Stunden hörten wir Korrektur, ließen an Reglern schieben, feilten am Klang. Ab und an wurde der Studioalltag durch Konzerte unterbrochen. Im Sommer dominierte dann die Entwicklung unseres Akustiksets unseren Terminplan. Und im Herbst schließlich fielen dann gleich zwei Ereignisse zusammen, auf die wir schon lange hingefiebert hatten: Zum einen die Veröffentlichung von „In Deep Waters“ und zum anderen natürlich unsere erste große Tour. Viel zu wenig habe ich bislang an dieser Stelle darüber geschrieben, nur auf Facebook haben wir immer mal wieder von den verschiedensten Ecken Europas ein Lebenszeichen in die Welt gesendet. Deswegen möchte ich zum Jahresabschluss euch hier einen ausführlicheren Erlebnisbericht präsentieren.

Unser rollendes zu Hause für einen Monat
Tourbus oder U-Boot?

Auch wenn am 25.09. die Tour mit dem Konzert in Pratteln offiziell startete, ging für uns alles schon ein wenig früher los: Nachdem wir bereits wochen- und monatelang geprobt, neues Merch geordert und sortiert, unser neues Backingsystem eingerichtet und ausprobiert, die Veröffentlichung unseres Albums vorbereitet und uns wie verrückt vorgefreut hatten, stiegen wir am 23. zu nächtlicher Stunde in den Nightliner, der für den nächsten Monat unser fahrendes Zuhause sein sollte. Ich konnte mich nicht so recht entscheiden, welches Gefühl in dem Moment überwog: die kribbelige Vorfreude auf die Tour, die Angst, irgendetwas vergessen oder nicht bedacht zu haben oder meine Sehnsucht, die Schlafkoje zu testen, da dank der ganzen Vorbereitungen die letzten Nächte allesamt ziemlich kurz ausgefallen waren. Für Letzteres war ich dann aber doch viel zu aufgedreht. Endlich wurde es wahr, unsere erste, große molllust-Tour! Was zuvor nur eine vage Idee war, wurde nun schlagartig real, ich konnte es kaum glauben. Erst einmal musste der Doppeldeckerbus natürlich gründlich inspiziert werden. Auch der Stimmgewalt-Chor traf kurz nach uns ein und so starten wir zunächst mit einer allgemeinen Kennenlernrunde, ehe wir schließlich langsam unsere Reise gen Süden begannen. Um 5 Uhr morgens siegte irgendwann dann auch Müdigkeit über Hibbeligkeit und so ging es dann doch in die Koje. Ein wenig gewöhnungsbedürftig war das Geschaukel des Tourbusses dann doch – es sollte noch einige Nächte dauern, ehe ich dort so tief schlafen konnte wie im eigenen Bett.

Alpenidylle in Pratteln

Der nächste Morgen begann auf dem Rastplatz: Morgentoilette der anderen Art. Es sollte bei weitem nicht die letzte Gelegenheit sein, bei der man uns noch in Schlafanzughose und mit Zahnbürste und co bewaffnet in eine Raststätte einfallen sah. Unser neues Badezimmer war jegliche Dusche und jegliches Waschbecken, was uns so über den Weg lief. Weiter ging‘s mit einer kleinen Bastelstunde: Frank machte allerletzte Korrekturen an den Backingtracks für die Tour, ich bespielte USB-Sticks mit unserer Musik und unserem Artwork, damit wir sie am Merchstand verkaufen konnten. Ein paar Plaudereien mit den Stimmgewaltlern später waren wir dann auch irgendwann in der Schweiz, um Orphaned Land am Flughafen einzusammeln. Da gab es erst einmal ein großes Hallo! Es war ja nun schon ein halbes Jahr her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Da war es schneller spät in der Nacht, als man Neuigkeiten austauschen konnte.

Das erste Konzert sollte Pratteln sein – im sagenumwobenen Z7. Wir machten erst einmal die Umgebung unsicher und besichtigten auf der Suche nach etwas buntem Tape zur Gepäckmarkierung die doch eher beschaulich anmutende Stadt. Die Alpenidylle fühlte sich mehr nach Urlaub als nach Tour an. Auch das legendäre Catering im Z7 stand einem Urlaubshotel in nichts nach. Doch als wir unser Equipment für den Soundcheck auf der großen Bühne dort aufbauten, fühlte es sich doch langsam nach Konzerttour an. Und nach einem furiosen Auftaktkonzert ging es dann auch weiter gen Westen: nach Lille.

Auf der riesigen Bühne wirken unsere Bühnenbanner etwas verloren ...
Das Venue-Schiff von außen ...
... wird von innen nicht viel größer

Viel gegensätzlicher hätten unsere ersten beiden Konzertlocations wohl kaum sein können. Was im Z7 riesig war, war im La Peniche winzig und statt im Gebirge standen wir plötzlich unter Wasser. Ja, ihr habt richtig gelesen: Die Location war ein Boot und wir spielten unter Deck. Erste Erkenntnis des Tages: Wenn wir nicht wahlweise eine mit Löchern gespickte Decke oder zerbrochene Bögen riskieren wollten, mussten unsere Violinen wohl oder übel auf der Treppe vor der Bühne spielen. Zweite Erkenntnis: Instrumente eine schmale Treppe hoch- und wieder hinunter zu balancieren war ein wenig abenteuerlich, wir wollten schließlich die Schwimmfähigkeit des Klavieres ungern austesten. Erkenntnis Nummer drei: Es gab auch nur einen kleinen Backstage-Raum, der von Orphaned Land okkupiert war. Also lernten die Herren zwangsläufig gleich am zweiten Abend kennen, was wir so unter den Kleidern trugen oder auch nicht, denn irgendwo mussten wir uns ja umziehen. Und nein, die Bühne war dafür keine Option. Zur Showtime kramte ich irgendwo aus bereits etwas verstaubten Hirnwindungen wieder meine Französischkenntnisse hervor und manövrierte uns sprachlich etwas wackelig durch den Abend, während sich Sandrine und Luisa alle Mühe gaben, nicht unser Publikum zu erstechen. Dafür gab’s die Aftershowparty gleich Gratis dabei: als wir nach unserer Show die Instrumente die Treppe wieder hinaufbalancierten, sorgte der benachbarte Jahrmarkt für akustische Untermalung und ein großes Feuerwerk. An Letzteres könnte man sich wirklich gewöhnen: ein himmlisches Farbenspektakel zum Abendausklang, das war echt schick!

Doch uns blieb keine Zeit zum Achterbahnfahren, weiter ging es nach Nantes. Wir verbrachten ein paar Stunden im strahlenden Sonnenschein mit Ausblick auf die Loire und aßen Crêpes, während wir darauf warteten, dass die Venue uns die Türen öffnete. Skurilen Besuch gab’s auch: In Form eines riesigen mechanischen Elefanten, der vorbeistapfte und mit Wasser um sich spritzte. Fragt mich nicht, was es mit dieser Kreatur auf sich hatte. Das haushohe Tier mit Steampunk-Flair war in jedem Fall respekteinflößend. Es gibt definitiv Schlimmeres! Die Show vor äußerst begeisterungsfähigem Publikum war der perfekte Höhepunkt für diesen schönen Tag.

Elefant - Steampunk-Style
The holy wall of wifi

Weiter ging’s nach Bilbao – oder besser gesagt in die Werkstatt. Die Klimaanlage unseres Busses war ausgefallen und so verbrachten wir unseren freien Tag irgendwo am Ende der Welt auf einem Hinterhof, statt Bilbao unsicher zu machen. Gegen Abend rückten wir immerhin in das Stadtrandgebiet vor, um erneut auf einem abgelegenen Parkplatz zu stehen. Zunächst wirkte dieser unspektakulär, doch unsere Israelis machten uns schnell auf die Besonderheit dieses Ortes aufmerksam: Der Holy Wall of WIFI. Ein Musiker auf Tour ist genügsam und hat nicht viele Bedürfnisse, aber neben Essen, Trinken und einem Bad ist das kostbarste Gut eines jeden Clubs ein gut funktionierendes WLAN Backstage. Leider war dieses Gut auf unserer Tour recht rar. Und so erklärt sich auch die Besonderheit dieses Ortes: die heilige Mauer war nämlich die Rückwand eines Clubs, in dem Orphaned Land zuvor bereits gespielt hatten. Und an dieser gab es noch so gerade einen Funken Internetempfang, der Zugang war den Israelis noch von ihrem letzten Besuch bekannt. Also klebte der halbe Bus erstmal an der Wand und sorgte dafür, dass diese restlos überlastet war.

Janika mit Bart in der U-Bahn nach Bilbao

Nach einer Weile siegte das Essens- über das Internetbedürfnis und wir erfragten uns den Weg via U-Bahn in die Altstadt, um so zumindest noch ein wenig Bilbao bei Nacht zu sehen und unsere Mägen zu füllen. Unter malerischer Kulisse und zu den Klängen spanischer Straßenmusikanten speiste es sich ganz hervorragend. Einmal mehr kam Urlaubsflair auf. Mit der letzten U-Bahn ging es zurück in die Koje, wir konnten ja zum Glück etwas ausschlafen.

Eine Nacht in Bilbao ...
Ist es ein Sopran oder ein Anglerfisch?

Am nächsten Tag hieß es einmal mehr: Showtime. Doch zunächst gestaltete sich das Styling dafür als echte Herausforderung. Der Backstage-Bereich war zwar wirklich geräumig, allerdings gab es auf den Toiletten nur dunkelblaues Licht – und dort hingen die einzigen Spiegel. Was also tun? Ich erinnerte mich an unsere Notenpultleuchten, die wir für unseren Merchstand mit eingepackt hatten, setzte mir die Hoodie-Kapuze auf, klemmte die Pultleuchte daran und beleuchtete mir so das Gesicht. So sah ich zwar ein wenig aus wie ein Anglerfisch, aber zumindest konnte ich sehen, was ich mit der Schminke in meinem Gesicht veranstaltete. Und ganz nebenbei trug ich so zur Erheiterung meiner Umgebung bei!

In ausgelassener Stimmung enterten wir schließlich die Bühne. Die spanische Sonne war Frank allerdings scheinbar etwas zu sehr zu Kopf gestiegen: Mit einem gewagten Sprung hechtete er beim König der Welt von der doch recht hohen Bühne, um durch das Publikum zu stolzieren. Wie er wieder hinauf kam, hatte er sich jedoch offensichtlich nicht so recht überlegt. Also stand der Herr König wie der Ochs vorm Berg vor der Bühne, als er wieder zurück zu seinem Mikrofon wollte. Zum Glück war Jan von Stimmgewalt zur Stelle und rettete den König mit einer geistesgegenwärtigen Räuberleiter aus seiner misslichen Lage, während ich von oben mit einem kräftigen Ruck nachhalf – sehr zum Amüsement des Publikums.

Modern Art im Club in Madrid
Happy Birthday, Luisa :-)

Weiter ging’s nach Madrid. Und zunächst einmal vermehrten wir uns: Simon hatte bereits einen Urlaubstag dort verbracht und stieg nun zu, um uns für ein kurzes Stück zu begleiten und die Etappe mit Videos und Fotos zu dokumentieren. Da Carsten uns kurzfristig am Kontrabass ausgefallen war, hatten wir ja noch einen Platz im Bus frei. Ganz neidisch blickten wir auf all die tollen Fotos, die er von der Stadt mitbrachte. Für eine ausführliche Besichtigung blieb uns leider keine Zeit. Aber das warmherzige und temperamentvolle Publikum entschädigte uns am Abend dafür vollkommen!

Dank unserer peniblen Beschriftungen von jedem noch so kleinen Kabel hatten wir es entgegen unserer Befürchtungen geschafft, bislang nichts auf den Bühnen liegen zu lassen. In dieser Hinsicht sollte Madrid dann eine weniger ruhmreiche Station werden: Gut getarnt zwischen anderen Mikrofonständern übersahen wir Franks Mikrofonständer und dieser blieb in der Location stehen. Wir bemerkten dies leider erst beim Aufbau in Lissabon. Für den Ständer sollte dies der Auftakt einer abenteuerlichen Reise werden: Erst per Expresspost nach Paris, um dort auf dem Postamt liegen gelassen zu werden, bis wir wieder abgereist waren – dann Nachsendung zu uns nach Hause, wo dank kreativer Verpackung nur die Hälfte davon ankam.

Security Lisboa-Style
Janika und Frank?

Aber zurück nach Portugal. Schon beim Blick aus dem Busfenster zeigte sich uns eine absolut malerische Stadt. Und auch die Venue für heute sah traumhaft aus: Eher ein Theater als ein typischer Metalclub, elegant mit Teppichen ausgelegt, das Publikum stufenweise erhöht. Doch zunächst ging es zum Essen in ein gemütliches, kleines Restaurant, keine 500 Meter entfernt. Auf dieser kurzen Strecke schafften es Sandrine und Luisa, sich derart mit den Damen der spanischen Vorband Leaves zu verquatschen, dass sie den Anschluss an die Gruppe verloren und wir sie erstmal mit Anrufen und Winken wieder einfangen mussten. Simon testete derweil ausführlich den guten lokalen Rotwein.

Der Abend war genial: Vor ausverkauftem Haus und wahnsinnig enthusiastischem Publikum spielte es sich quasi wie von selbst. Wir hatten zudem wohl die jüngste Zuschauerin der Tour gleich in der ersten Reihe: Ein kleines Mädchen genoss das Konzert offensichtlich in vollen Zügen. Kurzum: Unser äußerst kurzer Abstecher nach Portugal war eindeutig zu kurz!

Sopran ohne Schuhe
Gesunde Ernährung wird bei molllust groß geschrieben!

Weiter ging’s nach Sevilla, und dort bekam Simon auch gleich einen Spezialauftrag: Ich hatte es irgendwie geschafft, mir die Absätze meiner Schuhe zu zerstören, also suchte er in meinem Auftrag den nächsten Schuster, während ich zum Soundcheck auf Socken antrat. Ausgerechnet heute musste Oded, der wirklich geniale Tontechniker dieser Tour, orientalische Party-Klassiker auspacken, als wir noch etwas Zeit vor dem Soundcheck übrig hatten. Während unsere israelischen Musiker die Augen ob der inhaltlich überschaubaren Schmachtnummern verleierten, machten wir uns alle miteinander einen Spaß daraus, ein wenig dazu die Hüften zu schwingen. Und pünktlich zum Einlass tauchte Simon dann auch mit frisch beschlagenen Schuhen wieder auf. Dazu wurde unser Cateringrider äußerst akribisch befolgt. Da Lisa gerne Chips isst, hatte ich diese unter Süßigkeiten aufgeführt. Man bedachte sie prompt mit einer Chipstüte, die wohl getrost als Monatsvorrat bezeichnet werden kann. Lisa ließ es sich nicht nehmen, das zu dokumentieren!

Leider nur hinter der Bühne: Oriental Dance, Janika-Style

Der Gott des guten Essens reiste mit uns: Granada blieb uns zu allererst dank des schier unglaublich genialen Caterings im Gedächtnis. Uns wurden wahre Highlights der spanischen Küche aufgetischt. Einfach toll!

Zeit für die Dusche zu finden war auf Tour immer so eine Sache: Bei einer Dusche auf 32 Leute kann es da schon einmal zu einem kleinen Stau kommen. So geschah es auch in Granada. Die halbe Show von Orphaned Land verbrachten Frank und ich damit, auf eine freie Dusche zu warten. Wir nutzen die Zeit anderweitig: Ich schnappte mir die Krone und nahm den Balkon Backstage als Bühne für eine kleine orientalische Tanzeinlage, was Frank gleich dokumentieren musste, ehe ich gut gelaunt in die schließlich freie Dusche tanzte. Aftershowparty einmal anders!

Party ist ein gutes Stichwort, denn Punkt Mitternacht begann auch Luisas Geburtstag. An diesem Abend ging er noch etwas unter, da alles schnell in den Bus geräumt werden musste und es weiter nach Barcelona ging, doch dort sollte er entsprechend gewürdigt werden. Während wir Luisa bei strahlendem Sonnenschein zumindest für eine gute Stunde an den Strand entführten und unsere Füße ins Wasser hielten, war Simon einmal mehr der Mann für einen Spezialauftrag: Er besorgte uns eine Auslese an spanischen Kuchenspezialitäten und wir versteckten diese vor dem Konzert auf der Bühne. Nach dem König der Welt überraschten wir Luisa damit, sie zu krönen und ihr feierlich den Kuchen auf der Bühne zu überreichen. Das spanische Publikum brauchte nicht lange zu einem Ständchen überredet werden, und so sangen ihr gut 300 Gäste lauthals die spanische Version von „Happy Birthday“. Die Überraschung war geglückt: Luisa strahlte wie ein Honigkuchenpferd! Bei dem Versuch sich zu bedanken, rutschte ihr die zu große Krone gleich mehrfach über das Gesicht, was zu wohlwollendem Gelächter aller führte. Der Tag wird uns zweifelsohne allen ganz besonders im Gedächtnis bleiben!

Der alte Mann und das Meer - molllust-Style
Neues Instrument für molllust?

Dabei war er noch nicht einmal um. Es war zugleich auch das letzte Konzert von Leaves auf dieser Tour. Die sympathischen Spanier hatten für uns auch noch eine Überraschung auf Lager: Damit sie nicht ihr eigenes Klavier mitschleppen mussten, hatte ich ihnen schon im Vorfeld angeboten, über meines zu spielen. Zum Dank bekam ich ein kleines, traditionelles, spanisches Instrument überreicht. Was für eine nette Geste! Das musste ich doch gleich im Anschluss noch im Bus austesten.

Oded und Johny in: Kreativ mit Gaffa

Wir verabschiedeten uns von der spanischen Sonne und fuhren gen Norden: Zunächst nach Lynnes, eine beschauliche Ortschaft in der Nähe von Aix en Provence. Hier wurden wir von einer sehr herzlichen Clubbesitzerin empfangen und nutzen die Gelegenheit, einen kleinen Spaziergang durch die Natur zu machen. Da unser Bus immer mal wieder die eine oder andere kleine Panne vorzuweisen hatte (gerade erst war für einige Tage der Strom ausgefallen, so dass unsere gesamten Vorräte in den Kühlschränken verdorben waren), beschloss unser Tontechniker, unseren Bus umzudekorieren: und so prangte kurz später vor dem aufgedruckten „On Tour Service“ in leuchtgrünem Gaffa ein „NOT“. Der liebe Gott straft die kleinen Sünden ja bekanntlich sofort, und so klappte auch prompt mit Vollendung seines Werkes der Stuhl zusammen, auf dem er zu diesem Zweck stand. Zum Glück fiel er wie eine Katze und kam mit dem Schreck davon.

Aix en Provence war auch die Stunde von Nathalie: Unsere Merchandiserin hatte insbesondere in Frank einen Verbündeten in ihrer Leidenschaft für guten Käse gefunden. Und so verschwand sie für kurze Zeit, um ein festliches Käse-Mahl zu organisieren. Wir würdigten es mit genussvollem Kauen und Verzehr bis auf den letzten Krümel.

Entspannen in ländlicher Gegend
Rasieren für große Menschen

Nach einem Konzert mit Wohnzimmerflair ging es derart gestärkt weiter nach Lyon. Langsam aber sicher hatten wir uns so richtig in den Touralltag eingelebt: Frank gewöhnte sich bereits daran, sich auch an Waschgelegenheiten für Zwerge zu rasieren und wir Mädels lebten unseren ersten Tourkoller in einer kleinen Fotosession aus. Ein paar der Schnappschüsse könnt ihr hier begutachten. Da wären wir vor lauter Bildern doch fast zu spät auf die Bühne gekommen! Dabei war das Publikum in Lyon genial und auch die lokale Crew gab ihr Bestes, uns zu verwöhnen: Mit einem königlichen Dinner im Magen rollten wir mehr zurück in den Bus, als dass wir gingen. Selbstgemachte Crêpes mit allerlei Belägen, Quiche, Käseplatte, Trauben, Tarte – eine ungeheure Fülle an Köstlichkeiten der französischen Küche tat sich vor uns auf. Wow! Vielleicht war dies der Grund, warum Simon sich hier wieder von uns verabschiedete.

Der Lagerkoller ...
... greift um sich.

Es folgte ein Déjà vue: Es ging ein weiteres Mal nach Lille, und wieder auf das Boot. Doch dieses Mal hatten wir außerdem einen freien Tag dort, den wir für eine ausgiebige Stadtbesichtigung nutzten. Lille entpuppte sich als ein wirklich hübsches Städtchen, oder um es mit Orphaned Land-Gitarrist Chens Worten zu sagen: „Eure europäischen Städte sehen aus, als wenn sie aus Lebkuchen gebaut wären.“ Sandrine fühlte sich fast wie daheim und zeigte uns erst einmal ein paar französische Gebäckspezialitäten – genau das richtige zum Frühstück! Und dann entdeckten wir noch eine wahnsinnig schicke Kirche: Das nächste Mal wollen wir unser Akustikset dort spielen!

Lebkuchenhäuschen in Lille
Wunschvenue!
Auch das gehört zur Tour: Wäsche waschen

Außerdem war in Lille Tour-Halbzeit, und so war es auch Zeit für einen Waschtag: Gemeinschaftlich kundschafteten wir eine Wäscherei aus, studierten fachmännisch die französische Bedienungsanleitung der Maschinen und warfen unsere Klamotten gemeinschaftlich in eine große Industriewaschmaschine. Mangels Wäschekorb bildeten wir im Anschluss eine Kette und ließen so Unterhose für Unterhose und Socken für Socken in den Trockner wandern. Keiner von uns hatte daheim einen Trockner, daher waren wir etwas mit der Temperatureinstellung überfordert – aber die Wäsche zum Trocknen über den gesamten Bus zu verteilen, war keine Option. Also brauchte es drei Anläufe, mit denen wir uns vorsichtig von der niedrigsten Temperatur aufwärts tasteten, bis schließlich das Resultat das Gewünschte war. Zurück ging es in den Bus zum Wäschelegen und Höschenraten: Wem gehörte welches gute Stück? Unter den amüsierten Blicken der Herren unserer aktuellen Vorband vollendeten wir unser Werk.

Nach dem Konzert ging es zügig weiter, denn wir mussten die Fähre nach Großbritannien bekommen. Wir stellten uns schon einmal auf eine schlafarme Nacht ein. Doch mehr dazu im Rückblick Teil II.