Europatour mit Orphaned Land | Part II

« Wo war ich stehengeblieben? « Ach richtig, bei der schlaflosen Nacht auf dem Weg nach Großbritannien. Wir hatten vielleicht zwei Stunden Schlaf, da mussten wir alle zur Passkontrolle antreten. Wir versprühten allesamt unglaublich viel gute Laune – ein Wunder, dass man uns passieren ließ. Vermutlich wirkten wir eher, als würden wir den nächsten Überfall planen, als dass wir auf Konzertreise waren. Leider wurde es nicht besser: Kaum war man wieder eingedöst, waren wir auf der Fähre angekommen. Und dort ist es aus Sicherheitsgründen verboten, in der Koje zu bleiben. Also ab an Deck. Das auf gefühlte 10 Grad Celsius gekühlte Schiff hatte zumindest ein paar Sitzecken im Angebot, auf denen wir dann versuchten, wenigstens etwas Schlaf zu bekommen. Wären nicht in jeder Ecke lärmende Fernseher aufgehängt gewesen, hätte es das durchaus vereinfacht… verzweifelt suchte ich nach der ruhigsten Ecke und fand sie in der Kinderspielecke. Zumindest anfangs. Dann geschah das unvermeidliche und ein paar Knirpse machten sich daran, aus der Oase der Ruhe den lautesten Platz des Schiffes zu machen. Entnervt wanderte ich für den Rest der Überfahrt zu Oded und Frank, die noch ein paar Korrekturen an unseren Backings vornahmen, und beteiligte mich mit mehr oder weniger geistreichen Input – nachts um 5 im total übermüdeten Zustand sollte man nicht den Höhepunkt meiner Intellektualität erwarten. Als die Überfahrt endlich ihr Ende nahm, fiel ich geradlinig in die Koje und wachte erst in Manchester wieder auf.

Improvisierte Schlafstätte
Venue, erster Stock.

Dort gab es unfreiwilligen „Frühsport“ (es war bereits früher Nachmittag): Die Location war im Obergeschoss und es gab keinen Lift, also hieß es: Erstmal alles die verwinkelten Altbautreppen hochschleppen. Die Venue hatte definitiv Flair, mit den alten Tapeten und der urigen Einrichtung fühlte man sich in der Zeit zurückversetzt. Da wir dank der langen Anreise ohnehin schon straff im Zeitplan waren, sorgte die britische Variante des Caterings für eilige Kurzausflüge in die Umgebung: Wir bekamen etwas Geld in die Hand gedrückt und sollten uns davon etwas zu essen besorgen. Da die umliegenden Pubs aber nicht unbedingt mit Soundcheck- und Konzertzeit kompatible Küchenzeiten hatten, ernährten wir uns an dem Tag weitestgehend von Subway-Sandwiches. Frank war kurz davor in die Tischplatte zu beißen, gerade für ihn war das Essensgeld eindeutig zu knapp bemessen.

Nachdem die britischen Zuschauer beim Konzert kräftig für Stimmung sorgten, war die Abreise dann leider etwas umständlich: Direkt im Anschluss war im selben Saal Disko, unsere außerhalb parkenden Busfahrer mussten aber noch ihre Stehzeit zu Ende absolvieren – also balancierten wir über abenteuerliche Winkeltreppen unser Equipment erstmal Backstage, versuchten dort irgendwie noch etwas zu schlafen, um dann wieder hochgerissen zu werden und alles einmal mehr über die Treppen und quer durch die Partygäste der Disco wieder in den Bus zu befördern. Ich  brauche wohl nicht zu erwähnen, dass wir bis London die Zeit im Tiefschlaf verbrachten.

Improvisierte Probe vor unserem ersten Kirchenkonzert
Das erste Mal mit molllust in einer richtigen Kirche

London – auch eine der Metropolen, wo sofort der Touristen-Instinkt anspringt und man an Big Ben, Madame Tussaud’s Wachsfigurenkabinett usw. denkt – leider sahen wir von London genau einen Straßenzug – knapp 100 m Umkreis der Kirche, in der wir heute aufspielten. Die war dafür aber wirklich schick! Ein ehrwürdiges Gebäude mit einem herzlichen, unkonventionellen Pfarrer und super freundlichen Diakoninnen. Der einzige Nachteil waren die Durchschnittstemperatur der Kirche Mitte Oktober in England sowie der Mangel an einer Dusche. Das Ergebnis war, dass ich mir schlotternd die Haare in einem Küchenwaschbecken wusch und den Rest des Tages mit Kapuze auf dem Kopf herumrannte in der Hoffnung, dass die Haare bis zur Show trocken und ich am nächsten Tag noch gesund war. Nachdem uns die „jagt euch euer Essen selbst!“-Strategie ja schon aus Manchester bekannt war, versorgten wir uns und die Crew dieses Mal mit Kost vom benachbarten Dönermann. Wir alle freuten uns auf diesen Auftritt, denn er war etwas Besonderes: Die tolle Akustik war wie geschaffen für klassische Instrumente und Gesang, bei dem ganzen Hall flogen die Töne wie von selbst durch den Raum. Wir hatten für diesen Zweck extra ein ruhigeres Set vorbereitet, damit wir dies voll ausnutzen konnten. Wir probten noch einmal kurz Backstage die Stücke, die wir zuvor auf der Tour noch nicht gespielt hatten und genossen vor einem andächtig lauschenden Publikum die Kirche. Das war wirklich eine ganz besondere Erfahrung!

Nach der Show entdeckten wir den gut gelaunten Pfarrer dann hinter einer improvisierten Theke nahe der Kircheneingangs, der dort Bier verkaufte und uns dazu einlud, das nächste Mal mit dem Metalset wiederzukommen. Wird gemacht, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt!

Tourregel Nr.1: Schlaf, wann immer du kannst!

Die Aussicht auf eine erneut sehr schlafarme Nacht ließ uns zügig alles einpacken und aufbrechen. Denn wieder galt es eine Fähre zu bekommen. Gerade war man eingenickt, als auch schon die britischen Grenzbeamten zur Kontrolle kamen – praktischerweise marschierten diese einfach durch den Bus und machten die ganze Angelegenheit nicht komplizierter als nötig. Doch es war uns ein Weckruf, man müsste ja gleich an Bord des Schiffes. Also machte sich alles bereit – um dann eine Stunde später zu erfahren, dass man noch zwei weitere Stunden auf die nächste Fähre warten müsste. Also wieder kurz ins Bett – und wieder hoch, als diese dann um waren. Es folgte eine weitere Episode der Rubrik: Versuche zu schlafen bei Lärm im Kühlschrank – oder: Wie man bestmöglich eine Band dazu bringt, griesgrämig dreinzublicken. Mit Aussicht auf gleich zwei Shows und jeder Menge Stress am nächsten Tag doppelt spaßig.

Wieder auf dem Festland ging es im Tiefschlaf nach Paris. Ich wachte auf, als unser Busfahrer unser sperriges Gefährt heldenhaft durch viel zu enge Straßen manövrierte. Und dann brach die Hektik aus: Wegen mangelnder Parkmöglichkeit musste der Bus mitten auf einer dadurch vollkommen blockierten Kreuzung quasi in Nullzeit ausgeladen werden. Darauf folgte viel zu wenig Zeit für Aufbau und Soundcheck vor der Nachmittagsshow. Ich versuchte zwischen all dem Gerenne mein Sprachzentrum wieder von Englisch auf Französisch umzuschalten – und hatte prompt einen Vokabeldreher in der ersten Show, so dass ich von Nutten (putains) statt Küken (poussins) erzählte. Zum Glück bemerkte ich meinen Irrtum gleich. Ich entschuldigte und korrigierte mich eilig unter dem Gelächter der Franzosen, die ohnehin unglaublich gut drauf waren.

Multitalent Idan mit unseren Violinen

In der kurzen Pause zur nächsten Show gab’s Backstage spontanen Geigenunterricht für Idan, einem der Orphaned Land-Gitarristen. Er schlug sich wirklich gut! Dann konnten wir uns auch schon wieder bereit machen für die nächste Runde. Nach der Show war ich wirklich zu nichts mehr zu gebrauchen, die Mischung aus Schlafmangel und Doppelshow forderte ihren Tribut. Einmal mehr hatten wir das Problem, dass die Busfahrer länger stehen mussten als die Venue für uns reserviert war. Also wurden wir mit unserem ganzen Gepäck fast direkt nach der Show vor die Türe gekehrt. Frierend und übermüdet standen wir dort wie bestellt und nicht abgeholt, ehe wir alles Equipment in mehrere Großraumtaxen verluden, zur Metro marschierten und zu einem Treffpunkt mit dem Bus fuhren, bei dem er nicht die Kreuzung versperren musste, während die Instrumente dorthin gefahren wurden. Vollkommen fertig beluden wir den Bus und fuhren zum Campingplatz, auf dem wir die nächsten zwei Tage verbringen sollten.

Zumindest eine von uns konnte die Stadt genießen ...

Nachdem wir am nächsten Tag alle erst irgendwann in den frühen Nachmittagsstunden wieder aus den Kojen krochen, machte sich der allgemeine Unternehmergeist bemerkbar – wir waren schließlich in Paris! Die Stadt galt es zu erkunden! Aber weder Sandrine noch ich fühlten uns so recht nach großem Abenteuer. Da war etwas im Anmarsch… wir schafften es bis in den benachbarten Block, um dort etwas zu essen und zu chillen und versuchten ein paar Kräfte zu sammeln, während Luisa sich auf den Weg für eine unfreiwillige Tourpause am Arbeitsplatz machte. Am nächsten Morgen dann der nächste Anlauf: Sandrine blieb gleich in der Koje, ich schaffte es mit gutem Vorsatz immerhin bis zur U-Bahn-Station, um dann derart von Ohrenschmerzen geplagt zu werden, dass Lisa alleine aufbrach, um Paris unsicher zu machen, während Frank mich zum nächsten Arzt eskortierte. Einmal mehr schlug ich mich mit meinen Französischkenntnissen durch (an dieser Stelle wäre ich ohne definitiv vollkommen aufgeschmissen gewesen) und mir wurde eine aufkommende Mittelohrentzündung bescheinigt. Mit Schmerzmitteln und Antibiotika im Gepäck ging es zurück zum Bus und wieder in die Koje. Ich war ziemlich froh, dass wir gerade einen freien Tag mehr als geplant hatten, an diesem Tag ein Konzert zu spielen war jenseits meiner Möglichkeiten, ich sah eher aus wie das Leiden Christi persönlich – und Sandrine ging es nicht viel besser. Nachdem der Bus schon die ganze Zeit über ein fahrendes Bazillenmutterschiff war, jeden Morgen jemand anders mit Grippe aufwachte und unsere Band bislang die einzige noch komplett gesunde Besatzung davon war, hatte es uns nun also nach den schlaflosen Nächten auch erwischt.

Dezimiert und im bemitleidenswerten Zustand rollten wir gen Aschaffenburg, während Frank ebenfalls mehr und mehr zu schniefen anfing. Wir bauten erst einmal die Setlist auf: ist in dem Zustand noch sing- und ohne Luisa spielbar um. Irgendwie überlebten wir dieses Konzert ohne große Patzer, auch wenn der Großteil von uns sich im Zombie-Modus befand und wir eigentlich eher ins Bett als auf die Bühne gehörten. Zum Glück gab das Publikum alles, um uns zu unterstützen, obwohl wir zuvor von der neu zugestiegenen Vorband gequält worden waren, die offensichtlich unter Akustikset ein volles Metalbrett verstand. Für Sandrine, die auch gerade prächtige Ohrenschmerzen entwickelte, und mich pures Gift.

Show must go on! Zocken trotz kranksein.

Weiter ging’s nach Bochum: Wieder in eine Kirche. Nach dem Ausladen verzog ich mich wieder in die Koje, um während der Soundchecks der anderen Bands mich noch etwas zu kurieren. Ich erwachte von Tropfgeräuschen. Dass es regnete, war mir ja schon vorher aufgefallen – aber das klang eindeutig nicht nach außen. Ich inspizierte meine Umgebung genauer und stellte fest, dass es in die Treppe und in ein Bett hineinregnete. Na herrlich. Das hatte uns ja gerade noch gefehlt. Also wurde aus meinem Erholungsschläfchen ein Bordküche nach Auffangbehältern durchforsten und Mitfahrende informieren. Und da nun eine der Kojen nicht mehr nutzbar war, zog ich freiwillig um: Wir hatten gerade nur einen Fahrer dabei, also war für kurze Zeit die definitiv nicht für Klaustrophobiker geeignete Koje unter der Treppe frei. Sie hatte aber einen entscheidenden Vorteil: Dank ihrer Abgeschiedenheit waren Schnarchgeräusche anderer Musiker dort nicht mehr zu vernehmen, was mir für die nächsten Tage zu erholsamerem Schlaf verhalf.

Eine Kirche, die sich nicht so recht nach Kirche anfühlen wollte.

Auch an diesem Abend waren wir alles andere als taufrisch. Wir machten gute Miene zum bösen Spiel und gaben unser bestes, dennoch einen guten Auftritt zu spielen. So richtig perfekt fühlte es sich aber irgendwie nicht an – die Kirche wollte sich einfach nicht nach Kirche anfühlen, da sie doch sehr modern war mit einer fetten Eventbühne, irgendwie war unser ruhiges Set dann gefühlt zu ruhig – andererseits wären wir für schnelle Nummern nun aber auch erst recht nicht in der rechten Verfassung gewesen.

Ein wenig niedergeschlagen rollten wir weiter nach Hamburg. Während  ich mich wieder bekrabbelte und langsam wieder zu Kräften kam, ging es Frank und Sandrine so richtig schlecht. Nur Lisa war nach wie vor fit – und so musste sie wohl oder übel für zwei anfassen. Hamburg war ein wenig improvisiert – eigentlich sollte auch dies ein Kirchenkonzert sein, doch es gab irgendwo in der Organisation Unstimmigkeiten, so dass das Konzert abgesagt und in letzter Minute ein Ausweichkonzert in einem Club organisiert wurde. Zudem glänzte Hamburg damit, dass es sich so richtig einregnete. Und im Bus wurde es feuchter und feuchter… und trotz meiner ganzen Auffang-Konstruktionen, die noch mit Hilfe der Mitmusiker erweitert wurden, wurde es schlimmer und schlimmer. Verzweifelt suchte ich den Busfahrer in der Venue – wir mussten DRINGEND etwas unternehmen. Und dann den Veranstalter, um ihn um Planen und Abdeckmaterial zu bitten. Mit dem ganzen Trara rief ich schließlich auch den benachbarten Bootsbauer auf den Plan. Und in einer gemeinsamen Aktion machten sich die drei schließlich daran, das Dach abzudichten ...

Ich wollte mich gerade mal wieder für fünf Minuten niederlassen, da piepte mein Handy – Luisa. Der Plan war, dass sie mit dem Flugzeug von ihrer Arbeitsstelle diekt nach Hamburg und zur Venue kam, um wieder zu uns zu stoßen. Sie gab Bescheid, dass ihr Flieger Verspätung hatte und sie im günstigsten Fall in der allerletzten Minute eintreffen würde. Also bereiteten wir ihr Backstage alles vor, so dass sie nur die Geige in die Hand nehmen und auf die Bühne springen musste, Sandrine absolvierte den Soundcheck für sie.

Backstage beim Umziehen blickten wir alle immer wieder nervös aufs Handy und auf die Uhr – würde Luisa es noch schaffen? Wir achteten beim Umbau darauf, keine Minute zu früh anzufangen, Luisa war immer noch nicht da. Schließlich konnten wir den Auftritt nicht weiter hinauszögern. Ich ertappte mich dabei, dass mein Blick immer wieder gen Eingang huschte, ob da nicht irgendwo der vertraute Blondschopf auftauchte. Und im dritten Lied war es dann soweit! Zum vierten Song stand sie dann, so wie sie war in Straßenkleidung mit uns auf der Bühne, um das Konzert mit uns noch zu Ende zu spielen, gestresst, aber überglücklich wieder da zu sein. Der personifizierte Sonnenschein tröstete uns dann auch über Gesundheitszustand und das dank der kurzfristigen Verlegung eher übersichtliche Publikum hinweg. Was für ein aufregender Tag!

Auf der Suche nach Luisa. Sie muss doch jeden Augenblick auftauchen!

Die Reparaturarbeiten am Dach schienen von Erfolg gekrönt, der Bus wurde nach einer Föhn-Aktion zum Abendausklang langsam trockener. Und so ging es weiter nach München. Eigentlich hätte für diesen Abend Andernach auf dem Programm gestanden, aber das Konzert war wegen bereits erwähnter organisatorischer Schwierigkeiten ebenso abgesagt worden. Gegen Abend erreichten wir dann auch den Dachauer Campingplatz. Im Gänsemarsch ging es zum einzigen Restaurant weit und breit. Uns erwartete traditionell bayrische Küche. Geradezu ein Mekka für Vegetarier! Wenn man sich nicht nur von Beilagen ernähren wollte, gab es genau ein Gericht zur Auswahl. Unsere Begeisterung war begrenzt, aber zumindest wurden wir satt

Drugs and Rock'n'Roll

Nachdem wir den nächsten Morgen die Campingplatzidylle im Spätherbst genossen und frierend die Duschen inspiziert hatten (und uns wunderten, wer dort noch freiwillig campierte), ging es dann auch zur Venue. Ich war langsam aber sicher wieder fit, Frank war immerhin auf dem Weg der Besserung, dafür fing Lisa langsam an zu schniefen. Und mit Sandrine hatten wir ein taubes Bandmitglied – sie war mittlerweile Stammkundin meiner Schmerzmittel und hörte fast nichts mehr. Einstimmig schickten wir sie zum nächsten Arzt. Dort schnitt man ihr erst einmal beide Ohren auf, um den Eiter abzuführen und versorgte sie ebenso mit Antibiotika. Nun hörte sie zumindest wieder ein wenig und konnte so überhaupt das Konzert spielen. Wir hatten unterdessen schon Notfall-Backings vorbereitet und Luisa sich für den Notfall die eine oder andere Solo-Stelle von Sandrine angeschaut. Wir waren allesamt erleichtert, dass wir den Auftritt vollzählig spielen konnten.

Dennoch war München leider stimmungstechnisch ein etwas verhalteneres Konzert. Als ich Number in a Cage ansagte, verfiel das Publikum in eisiges Schweigen – nach unserer Restaurant-Erfahrung vom Vortag beschlich uns die Vermutung, dass im tiefsten Bayern Tierschutz vermutlich nicht gerade das Thema ist, mit dem man punktet. Das konnte in Berlin ja nur besser werden.

Sonnenschein - molllust-style
Lange Weile - Janika-style

Und so war es dann auch: Das Publikum am nächsten Abend feierte das Konzert ausgelassen. Unterdessen wurde Kommunikation innerhalb unserer Band zur Herausforderung: Lisa hatte es die Stimme verschlagen, sie bekam kaum einen Ton heraus. Sandrine hörte nach wie vor nur sehr eingeschränkt – und so brauchten die beiden jemanden, der mit Lisas Beiträgen noch einmal Sandrine anschrie, damit sie ihre Worte auch mitbekam. Wir fühlten uns kurzzeitig wie im Altenheim. So wird unser Leben also in 40-50 Jahren aussehen ...

Indisch essen in Berlin. Lecker!

Am nächsten Tag gab’s einen freien Tag in Berlin. Während Lisa und Luisa die Gelegenheit nutzen, um Freunde wiederzutreffen, jagten Frank, Sandrine und ich auf eigene Faust nach Nahrung. Zunächst wärmten wir uns mit einer heißen Schokolade im nächsten Supermarkt-Café auf (im Bus war keine Heizung an, es war lausig kalt) und wunderten uns über die bunten Moving Heads über den Lebensmittelregalen. Wofür braucht es denn da Discobeleuchtung? Bei Tageslicht natürlich auch entsprechend effektvoll… Dann suchten wir etwas für den Magen, entdeckten einen Inder und speisten fürstlich. Keinem von uns war groß nach Sightseeing – es war nass und kalt und Berlin kannten wir alle bereits. Also machten wir uns einen entspannten Tag, um wieder zu Kräften zu kommen. Die restliche Zeit schlug ich mit Hochsteck-Experimenten an den Haaren meiner davon begeisterten Mitmusiker tot.

Warum dieser Berliner Supermarkt Discobeleuchtung ander Decke hatte, wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

Über Nacht ging es weiter nach Budapest – und wieder einmal auf ein Schiff. Mit dem Unterschied, dass das Boot aus Lille hier vermutlich fünfmal hineingepasst hätte. Zu unserer Überraschung wurden wir auch gleich von einem Fernsehteam empfangen, dass uns auf Schritt und Tritt begleitete. Eine Dusche zu sehen, bevor man uns eine Kamera ins Gesicht hielt, wäre uns eindeutig lieber gewesen, aber man kann sich im Leben nicht alles aussuchen ...

 

Frank und ich wurden zum Interview entführt, der Rest organisierte etwas zu essen. Wir schlangen uns noch schnell etwas in den Magen, bevor es auch schon auf die Bühne ging. Und wieder verfolgten uns die Kameras, aber darauf waren wir ja inzwischen eingestellt. Das Ergebnis der Filmerei kann man sich auch nach wie vor im Netz betrachten:

www.mediaklikk.hu/video/az-a38-hajo-szinpadan-molllust-opera-metal/

Mal wieder ein Boot, aber diesmal in groß!

Nach der Show hatten wir noch ein wenig Zeit, um einen ausgedehnten Spaziergang durch das nächtliche Budapest zu machen. Was für eine schöne Stadt! Natürlich konnten wir nur einen kleinen ersten Eindruck gewinnen, doch dieser ließ uns staunen. Und ein wirklich talentierter Geiger, der an einer der Brücken musizierte, war die perfekte Untermalung für die nächtliche Schönheit.

Ein toller Ausblick: Budapest bei Nacht
Es gibt Eis, Schwestern!

Über Nacht ging es nach Padova, so dass wir zu Mittag die Stadt ein wenig erkunden und uns dort ein italienisches Mittagessen gönnen konnten. Wir waren zurück in der Sonne und gleich kam wieder Urlaubsfeeling auf. Der wirklich hübsche Altstadtkern lud zum Flanieren ein. Wir entdeckten eine kleine Eisdiele, die Lakritzeis verkaufte. Das mussten wir unbedingt probieren! Die letzte Stunde vor Öffnung des Clubs verbrachten wir gemütlich auf einer grünen Wiese. Nachdem ich schon morgens in der Koje vorgearbeitet hatte, vollendete ich hier mein Werk: „Oh mio babbino caro“ von Pucchini für die Streicher und mich in einem einfachen Satz zu arrangieren, denn wir wollten Orphaned Land Frontmann Kobi überraschen. Er hatte uns verraten, dass er ein großer Pucchini-Fan ist und das Stück sollte am letzten Abend unser musikalisches Abschiedsgeschenk für diese Tour werden. Ich hatte noch eine Klavier-Gesangsfassung auf dem Laptop von einem Auftritt im Sommer, da musste ich ja nur noch den Rest dazu bauen. Während der Orphaned Land-Soundchecks organisierte ich den Ausdruck der Noten und während ihrer Show verschwanden wir dann Backstage und probten die Nummer. Als die Jungs fertig waren, ließen wir schnell alle Spuren wieder verschwinden und widmeten uns dem großartigen Publikum, das uns schon während unserer Show mit Warmherzigkeit und Begeisterung überschüttet hatte.

Schön und warm. Padova in der Sonne!

Es folgte das Unvermeidbare: Die letzte Station unserer Konzertreise, Rom, und damit auch das letzte Konzert auf Tour. Es herrschte den Tag über eine ganz eigenartige Stimmung. Einmal war ständig jemand verschwunden, da die Duschen in einer prachtvollen Stadtvilla waren, zu der wir in Kleingruppen gefahren wurden. Dann begann bereits das Abschluss-Feeling, indem zum Beispiel das Merch schon einmal ausgezählt wurde. Außerdem gab es keinen richtigen Backstage-Raum, so dass alle etwas verloren im Zuschauerraum der Venue herumlümmelten, ein wenig in der Melancholie des letzten Tages gefangen.

Schließlich war es soweit: Ein unglaublich überschwängliches Publikum feierte mit uns den Abschluss der Tour. Bei „Sternennacht“ hatten wir schließlich auch einen ganz speziellen Gast auf der Bühne: Matan von Orphaned Land kam mit Shakern und Sticks zu uns auf die Bühne und übernahm vor einer jubelnden Menge die Percussion für diesen Song. Die Stimmung war gigantisch und auch unsere kleine Überraschungs-Arieneinlage wurde kräftig umjubelt. Wir ließen uns davon anstecken und mischten uns bei der Orphaned Land-Show unter die Menge, um dort ein letztes Mal ausgelassen mitzutanzen und mitzusingen. Einige der Bands, die vorherige Abschnitte der Tour eröffnet hatten, waren zudem dazugekommen, und so gab es ein Wiedersehen und Abschied in einem. An diesem Abend hatte es niemand eilig ins Bett zu kommen. Wir machten Abschluss- und Erinnerungsfotos, stießen mit Sekt und Schokolade auf die Tour an und verzogen uns erst in den Bus, als der Club das Licht löschte. Es ging direkt zum Flughafen und wir verabschiedeten uns von den Israelis. Danach fühlte es sich irgendwie eigentümlich leer im Bus an.

Das unvermeidliche Ende der Tour. Kaputt aber glücklich mit Orphaned Land und Stimmgewalt
Abschied mit Uri von Orphaned Land und Lilje von Stimmgewalt

Es folgte der weite Weg gen Heimat. Nachdem wir dann doch in die Kojen gefallen waren, plauderten wir noch ein wenig mit den Stimmgewaltlern. Sie waren außer uns die einzigen im großen Bus. Zudem nahmen wir uns der auf der Tour gesammelten, verbliebenen Vorräte an, und was im Laufe des Tages nicht vertilgt wurde, teilten wir unter allen auf. In den späten Abendstunden kamen wir schließlich an unserem Proberaum an. Es folgte der unvermeidliche und wenig glorreiche Abschluss jeglicher Konzertaktivität: Alles wieder im Proberaum zu verstauen, die Reste vom Merch zum Auszählen bei mir abladen und mit der Aussicht auf fünf Wochen liegengebliebener Bürotätigkeit ins Bett zu fallen. Tatsächlich tat es gut, nach all der Zeit auch einmal wieder einen Raum und ein festes Bett für sich zu haben, so gerne ich auch mit der gesamten Mannschaft unterwegs war und so sympathisch mir auch der verrückte Musikerhaufen war. Wie meine nächsten Wochen aussahen, könnt ihr euch sicher vorstellen: Mein Laptop und ich verbrachten viele Stunden miteinander. Und dann war da ja auch noch die China-Konzertreise mit Haggard, ein ganz besonderes, aber auch ultra-anstrengendes Erlebnis ... aber das ist eine andere Geschichte.

Denn es gab ja noch die Aussicht auf eine Coda: Wir verabredeten uns mit Orphaned Land, mit ihnen zusammen am 21.12. in Nürnberg zu spielen – diesmal allerdings mit dem Metalset. Also hieß es erst einmal: Wieder all unsere Männer einzupacken und mit ihnen im Proberaum zu verschwinden. Außerdem war uns auf der Tour die Idee gekommen, dass wir Klassiker ja auch einmal für Orphaned Land Klavier und Streicher, die sonst vom Playback kamen, live spielen könnten. Das testeten wir an ihrem Song „Brother“ auch gleich aus. Aber auch das wollte natürlich vorbereitet werden. Also folgten einige weitere Stunden Proberaum.

Der Hirsch im Hirsch

In bester Laune ging es schließlich nach Nürnberg: Unser letztes Konzert für dieses Jahr, danach würden wir uns in alle Winde verstreuen, um die Familien wiederzusehen und ein wenig Weihnachtsurlaub zu machen. Uns begrüßten die noch etwas unausgeschlafen wirkenden Orphaned-Jungs zu mittäglicher Stunde und wir ließen den Tag entspannt auf uns zukommen. Es machte wirklich Spaß, zur Abwechslung einmal wieder richtig Krach auf der Bühne zu machen! Und auch das Publikum war offensichtlich nicht bereits in sinnlicher Weihnachtsstimmung, sondern machte ebenso kräftig Krach. Das fetzte! Ein wenig kribbelig warteten wir auf den zweiten Bühnenaufgang für diesen Abend. Und dann war es auch schon soweit: während Kobi sich etwas Zeit ließ, um „Brother“ anzusagen, räumten wir schnell unsere Instrumente wieder auf die Bühne und ließen das letzte Mal in diesem Jahr von uns hören. Yeah! Wir hatten jede Menge Spaß, aber ein Stück ist schnell vorbei, und so verschwanden wir ins Backstage, um alles zu verstauen. Und nach gemütlichem Plausch mit den Fans und den Orphaned Jungs machten wir uns schließlich auf den Heimweg.

Die molllust-Damen mit den Jungs von Orphaned Land bei ihrem Song "Brother"

Fazit: Dieses Jahr haben wir uns ein paar Träume erfüllt. Doch wir werden uns jetzt entspannt zur Ruhe setzen, im Gegenteil: Wir haben Blut geleckt und wollen mehr! Auch wenn die Organisation für Konzerte 2016 bislang etwas zu kurz kam, wird daran nun im neuen Jahr mit Hochdruck gearbeitet. Auf dass es 2016 noch möglichst viele werden! Wir freuen uns bereits darauf, möglichst viele von euch an möglichsten vielen verschiedenen Orten dieser Welt wiederzusehen! Habt ein tolles 2016, vielleicht lässt sich hier ja noch der eine oder andere weitere Traum erfüllen. Wir greifen jedenfalls weiter nach den Sternen, mal schauen, wann wir den nächsten erwischen. :)