23.04.2012 | Bachspiele - Der Auftakt

Das Wochenende hatte einen seltsamen Rhythmus. Nachdem wir am Freitag dank unseres Auftritts alles andere als zeitig im Bett waren, quälten wir uns Samstag einigermaßen früh wieder aus den Federn. 2 Dinge standen an: Den ersten Song fürs Album im KickTheFlame!-Studio abzunehmen, denn Andy Schmidt hatte fleißig gemixt - und uns auf die öffentliche Probe am Folgetag vorzubereiten. Unsere U-Musiker kämpften mit der Herausforderung, in den klassischeren Parts einen klaren Beat zu finden und herauszuhören, wann ihr Einsatz kam. Nach 7 Stunden geschäftigen musizierens hielten wir unseren Zwischenstand langsam für öffentlichkeitstauglich und waren froh, uns noch ein klein wenig ausruhen zu können, ehe es am Sonntag zu für Musiker ungewohnt früher Stunde in Richtung Auftrittslocation, in dem Fall die naTo ging. Schlafverkürzend wirkten die diversen Sperrungen des Leipzig Marathons, so dass wir bereits um 8:30 Uhr im Auto saßen und unsere Technik einsammelten.

Noch ganz von dem strahlenden Sonnenschein verwirrt - unser Proberaum ist bei weitem nicht so hell ausgeleuchtet - genossen wir den Platz auf der naTo-Bühne. Genug Raum für alle, um sich ordentlich zu bewegen. Zu schade, dass wir für Bach größtenteils noch an unseren Notentapeten klebten und ohne Violine ausrücken mussten. Wir haben uns fest vorgenommen, zu anderer Gelegenheit die Bühne noch einmal zu entern.

Die Techniker vollbrachten irgendwie das Kunststück, eine stimmungsvolle Beleuchtung herzustellen und zur selben Zeit die Noten zu beleuchten. Positiv überrascht waren wir auch, dass sich zur frühen Morgenstunde tatsächlich ein paar Zuschauer zu uns gesellten.

Nach kurzem Warmspielen stürzten wir uns dann auch schon auf die Bach'sche Materie. Bach war Thomas-Kantor - dementsprechend sein Werk größtenteils geistlich. So kamen auch wir ausnahmsweise zu kirchlichen Inhalten. Zunächst wurden Ausschnitte der Matthäus-Passion in der gründlich überarbeiteten molllust-Fassung modernisiert. Wir hatten uns mit "Blute nur, du liebes Herz" und "Aus Liebe will mein Heiland sterben" zwei Sopranarien herausgepickt. Jede Arie erhielt von uns eine düstere Stimmung und Anspielungen auf das Szenario, in dessen Kontext sie eingebettet waren. "Blute nur" bekam passagenweise ein millitärisch anmutendes Schlagzeug, mit Snare-Wirbeln wurde auf die drohende Hinrichtung angespielt. Außerdem kam der zuvor den Verrat beschließende Judas zu Wort und in unserer Variante einen menschlicheren Anstrich, indem wir ihm ein Tatmotiv in den Mund legten.

"Aus Liebe will mein Heiland sterben" - Hier sang der Chor im Originalwerk direkt vor und nach der Arie "Sie sollen ihn kreuzigen!" und schwieg andächtig, wenn die Sopranistin 5 Minuten wehklagte. Mit der festen Überzeugung, dass eine aufgebrachte Menge nicht so anständig ist, egal wie schön die Dame singt, nahmen wir den Chor als rockiges Motiv und mit dem etwas direkteren Text: "Kreuziget ihn!" mit in die Arie. Nachdem wir alle viel Spaß mit dem Rockthema hatten, kamen uns etwas die Bedenken, dass man uns bei der Aufführung ketzerische Absichten unterstellen würde - und so entschieden wir uns für einen ruhigen, versöhnlichen Abschluss. Als nicht-christliche (aber genauso wenig anti-christliche oder satanistische) Band hielten wir jedoch die Darbietung eines Gebetes für unangemessen. Das Bach-Gounod-sche Ave Maria wurde daher mit einem weltlichen Text versehen - Der Aufforderung, die schönen Seiten der Welt wertzuschätzen und selber die Verantwortung zu nehmen, um dieses Leben gut zu gestalten, statt auf ein Paradies nach dem Tod zu warten.

Wir erfreuten uns positiver Resonanz durch den Veranstalter und blicken nun mit Spannung auf das Bachfest, wo das Ganze dann souveräner und mit Violine zu hören sein wird. Außerdem kommt noch ein instrumentales Intro hinzu. Wir sind gespannt, wie die Bach-Fans unsere Variante aufnehmen, da unsere Überarbeitungen größtenteils schon relativ tiefgehend waren.